An einem der 64 Tage müssen wir 92 Minuten warten. Wenn möglich, sitze ich auf dem dunkelbraunen Wandstuhl – Rückenlehne und Sitzfläche ein unnachgiebiger Plastikbogen in einer Sechserreihe unnachgiebiger Plastikbögen – direkt an der Tür.

Zur Linken säumen Griffe in Hüfthöhe beidseitig den Gang und werden nur von bezifferten Türen unterbrochen, die immer geschlossen sind und aus denen nie Geräusche dringen. Die Bleiche von Leuchtstoffröhren in Zweierpaaren hinter silbernen Gitterverschalungen fällt auf ein träges Linoleum, dessen Oberfläche in ihrem Widerschein Muster zeichnet; ein zerfasertes Mosaik heller Streifen, das unaufgeregt Geschichten hastender Schuhe mit Gummisohlen erzählt und Choreografien quietschender Rollen abbildet.

Am Anfang sticht der Geruch des Desinfektionsmittels aus dem Behälter an der Wand noch scharf in der Nase, findet nach einigen Tagen oder Wochen sogar den Weg zum Gaumen, doch irgendwann hat die Zweckdienlichkeit des Interieurs das gesamte Sensorium zermürbt. Beige-brauner Brei, über die Sinne gegossen, stumpfer Verstärker für zähfließende Wartezeiten.

Zur Rechten die Tür, im Rahmen ein weiterer Rahmen eingelassen. Darin ein Schalter, daneben ein handgeschriebenes Schild mit der Bitte, den Schalter nur einmal zu betätigen: jedes Klingeln würde registriert. Hinter der Tür Fetzen. Eine Inszenierung, bei der die sporadischen Dialoge auf der einen Bühnenseite mit diffusen, asynchronen Hintergrundgeräuschen auf der anderen Seite beantwortet werden; angetrieben und dominiert von einer Kakofonie rhythmischer Signale, die sich grell durch einen blickdichten Vorhang in Bühnenmitte bis tief in den Verstand bohren und deren visuelle Pendants in weißen, sauberen Zimmern zuckend flaschengrüne Sinuskurventakte auf tiefschwarze Bildschirme malen.

Viel zu oft erhebt sich eines dieser Signale über die anderen: ein kleiner Vogel, dessen stakkatohaftes Tschilpen jäh an Intensität gewinnt und von imminenter Bedrohung kündet. Die Fetzen strukturieren sich neu, werden vom Sog des Tons angezogen, knapp gebellte Anordnungen (keine Namen, Namen fallen nie), abrupte Richtungswechsel, das Schlagen von Kabeln und Schläuchen an Seitenwände von Maschinen, die in Stellung gebracht werden, eine schließende Tür, Stille.

Auf unserer Seite Warten.

Am letzten der 64 Tage bist du um 23:05 Uhr gegangen. Dein Zimmer lag ungefähr vier Meter hinter dem dunkelbraunen Wandstuhl direkt an der Tür auf sechs Uhr. Die Streifen auf dem Linoleum sind zu einer hellen, glanzlosen Fläche herangewachsen, die alle Wartezeit stumm in sich aufgesaugt hat.

 

Dieser Text ist Teil der am 1. Dezember 2014 im Frohmann Verlag erschienenen Version 1/4 von ‚Tausend Tode schreiben‘. Die am 16. Januar 2015 veröffentlichte Version 2/4 versammelt 246 Beiträge.